Assisi

Franziskanische Gemeinschaft bewegt Menschen

3. Europäischer Kongress des OFS und der Youfra in Litauen, 20. - 26. August 2018

IMG 0518"Ströme von lebendigem Wasser werden fliessen vom Innern dessen, der an mich glaubt!" (Joh 7, 37-38)

Was verbindet franziskanisch lebende Menschen in Europa? Wie leben sie ihre franziskanische Berufung im Alltag? Wo sind die Unterschiede und Besonderheiten in der Kultur und der Spiritualität ihrer jeweiligen Heimatländer? Welches sind die gemeinsamen aktuellen Herausforderungen für den OFS und die Youfra in Europa?

Um diesen Fragen nachzugehen trafen sich Vertretungen aus 24 europäischen Ländern in Litauen, 88 Personen für den OFS (ehemals dritter Orden) und 48 Personen für die Youfra (Franziskanische Jugend). Die Schweiz war vertreten durch Nadia Rudolf von Rohr, Patrick Hächler und Monika Bosshard.

Viele Programmpunkte gaben bereits Antworten auf die Frage nach der litauischen Spiritualität: Besuche von Marienwallfahrtsorten, 3 Gottesdienste mit verschiedenen Bischöfen, ein Kreuzweg in freier Natur, begleitet von Musik und Gesängen… Die Youfra war aktiv am Programm beteiligt. So feierten wir Gottesdienste und Gebetszeiten immer mit modernen Liedern, begleitet von jungen Musikern und Sängerinnen.

Ein besonderer Höhepunkt war das Aufstellen eines franziskanischen Kreuzes auf dem Kreuzeshügel bei Siluva. Litauen ist ein Land, das immer wieder besetzt wurde, zuletzt durch die Sowjetunion. Der Kreuzeshügel entstand im 19. Jahrhundert während des Aufstandes gegen die Zaren, als Zeichen für die getöteten Litauer. Später wurden Kreuze für die im Gulag Verstorbenen aufgestellt. 1961 wurde der Hügel von den Sowjets völlig zerstört. In der Nacht darauf stellten die Litauer gleich wieder Kreuze auf, welche erneut zerstört wurden. Der Kreuzeshügel ist ein eindrückliches Symbol des Widerstandes und eine Erinnerung an die unzähligen Toten und das grosse Leid während der vielen Besetzungsjahre. Inzwischen stehen dort über 50‘000 Kreuze – neu seit dem Kongress auch eine schöne Holzfigur des betenden Franziskus am Fusse des Hügels, geschnitzt von einem litauischen Künstler.

In Kretinga besuchten wir in Gruppen soziale Einrichtungen, halfen dort mit und erfuhren viel Interessantes über die sozialen Aufgaben der Franziskaner/innen aus dem 1. und 3. Orden in Litauen.

Franziskanisch leben heisst auch fröhliche Gastfreundschaft pflegen. In Kretinga feierten wir mit der Bevölkerung einen schönen Abend, draussen vor der Kirche, mit vielen Menschen, grossem Holzfeuer, feinen Spezialitäten und Darbietungen aus verschiedenen Ländern.

Wir drei aus der Schweiz durften zwei Tage bei einer Gastfamilie in Kretinga leben und wurden liebevoll verwöhnt. Die Familie gehört nicht zur franziskanischen Familie. Diese selbstverständliche Gastfreundschaft hat uns sehr berührt und wird uns in dankbarer Erinnerung bleiben.

 

Was sind die Herausforderungen für franziskanische Gemeinschaften in Europa?

Europa ist ein Puzzle aus vielen kleinen und wenig grösseren Ländern. Es gibt grosse Unterschiede zwischen Ost und West, ein Gefälle zwischen armen und reichen Ländern, auch im OFS. Das ist für franziskanische Menschen eine ständige Herausforderung. Es braucht Mut, sich öffentlich und politisch zu äussern, wenn Menschenrechte nicht eingehalten werden. Wir Menschen aus den reichen Ländern sind aufgefordert zu teilen, das ist aber weit mehr, als nicht mehr Brauchbares weg zu geben. Ich wünsche mir, dass wir mit franziskanischer Radikalität Zeichen setzen können und überall dort aktiv werden, wo Menschen, Gruppen oder Länder ausgegrenzt oder gar in Not sind.

Am wichtigsten scheint mir aber das Aufbauen von gegenseitigem Interesse und Verständnis für die verschiedenen Kulturen und deren Gottesdienst- und Gebetsformen. Wie schnell etikettieren wir Neues oder Ungewohntes mit „Richtig“ oder „Falsch“. Genauso wichtig ist das Interesse und Verständnis zwischen Jung und Alt. Während in einigen Ländern die OFS-Gruppen überaltert sind und es keine Youfra mehr gibt, sind in andern Ländern die Youfra-Gruppen gross und aktiv, finden aber keinen Anschluss an den OFS. Immer wieder stellt sich darum die Frage, wie sich eine länderübergreifende Glaubensgemeinschaft erneuern kann und was es braucht, dass sie über Jahrhunderte einladend und lebendig bleibt.

Die erlebnisreiche Kongresswoche ermutigt mich, diesen Fragen nachzugehen.

Pace e bene, Monika Bosshard

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